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Freitag, 4. September 2026

Die Schattenseite des Fachkräftemangels: Ein Praktikum bleibt aus

Ein Studienabbrecher aus Kiel sucht verzweifelt nach einem Praktikum, doch trotz Fachkräftemangels bleibt er erfolglos. Ein Einblick in die Absurditäten des Arbeitsmarkts.

Lisa Fischer//3 Min. Lesezeit

Als ich neulich in einem Café in Kiel saß, beobachtete ich einen jungen Mann, der angestrengt auf seinem Laptop tippte. Seine Miene war konzentriert, beinahe verzweifelt. Immer wieder schüttelte er den Kopf und starrte dann auf den Bildschirm, als könnte er aus den wirren Buchstaben eine Lösung herauslesen. Nach einer Weile hörte ich ihn leise seufzen. Ich fragte mich, was ihn so sehr beschäftigte. Die Antwort fand ich später heraus: Er war ein Studienabbrecher auf der verzweifelten Suche nach einem Praktikum, und das in einer Zeit, in der alle Welt von Fachkräftemangel spricht.

Das Bild des überfüllten Arbeitsmarktes, geprägt von einer unerhörten Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften, vermittelt den Eindruck, dass eine Stelle wie eine Praline im Schokoladenregal ist: Man greift zu, und schon ist man glücklich. Aber die Realität sieht anders aus. Die Gespräche, die ich mit diesem jungen Mann führte, offenbarten eine andere Seite dieser Medaille. Trotz des allgemeine Geschreis nach Fachkräften fand er nicht das kleinste Praktikum.

Er erzählte mir von seinen Bewerbungen, die im digitalen Nirwana verschwanden. Vor einige Monate hatte er einen Studienplatz in einem begehrten Studiengang für Wirtschaftsinformatik ergattert, doch nach kaum einem Jahr war ihm bewusst geworden, dass das Studium nicht seinem Interesse entsprach. Stattdessen wollte er praktische Erfahrungen sammeln, um herauszufinden, wo seine Stärken lagen. Jeder hätte ihm gesagt, so eine Entscheidung sei mutig – und niemand hätte ihn gewarnt, dass der Schritt ins Praktikumsleben ein einziger Spießrutenlauf sein könnte.

Die Absurdität des Ganzen wird besonders deutlich, wenn man darüber nachdenkt, dass Unternehmen ständig nach Nachwuchs suchen. Viele Stellen sind seit Monaten unbesetzt. Dennoch wird dem Studienabbrecher jedes Mal geantwortet, die Bewerbung sei zwar sehr interessant, allerdings habe man sich für einen anderen Kandidaten entschieden, der „besser ins Profil passe“. Man fragt sich: Was ist das Profil? Ist es das, was die Unternehmen in ihren Stellenausschreibungen versprechen, oder ist es das, was sie wirklich suchen?

In einer Welt, wo die Arbeitgeber oft über die mangelnde „Bereitschaft“ der jungen Generation klagen, in der es an Motivation fehle und womöglich auch am Willen, sich anstrengen zu wollen, wird die Aussichtslosigkeit seines Schicksals noch absurder. Vielleicht ist es genau dieser Druck, der junge Menschen dazu bringt, eine Unmenge an Fähigkeiten zu erlernen, die dann im Praktikum nicht gefordert werden. In der Schule war er ein sehr fleißiger Schüler, immer bereit, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Jetzt, mitten in dem Prozess, in dem er eigentlich lernen und sich entfalten könnte, steht er einem System gegenüber, das seine Bemühungen nicht wertschätzt.

Das Gespräch mit dem jungen Mann hat meine Wahrnehmung des Arbeitsmarktes verändert. Ich fragte mich, wie viele Leute es noch gibt, die mit dieser Umstand konfrontiert sind. In einer Stadt wie Kiel – nah am Wasser, voller Möglichkeiten – kann man leicht in den Bann der vermeintlichen Chancen geraten. Doch die Realität sieht häufig anders aus: Arbeitgeber präsentieren sich als die Heilsbringer der Gesellschaft, während sie im Kleingedruckten oft nur ein weiteres Kriterium verstecken, das den Zugang zu ihren Stellen verwehrt.

Das Missverhältnis zwischen den aufgerufenen Anforderungen und der tatsächlichen Verfügbarkeit an Arbeitskräften ist alarmierend. Jungen Menschen wird nicht nur die Möglichkeit genommen, sich in der Arbeitswelt zu beweisen, sondern sie werden auch in einem wirtschaftlichen System gefangen, das sie nicht verstehen. Es ist sowohl tragisch als auch ironisch, dass wir in einer Zeit leben, in der Fachkräftemangel herrscht und gleichzeitig potenzielle Talente an den Rändern der Gesellschaft verloren gehen.

Der junge Mann schloss seinen Laptop und sah mir in die Augen. "Ich werde weitersuchen", sagte er mit einem Anflug von Resignation in der Stimme. Es klang mehr nach einer Notlösung als nach einem Plan. Nach einem kurzen Moment des Schweigens fragte ich mich, was wohl aus ihm werden würde. Es war nicht nur sein Schicksal, das mich bewegte, sondern das Schicksal einer ganzen Generation, die versucht, ihren Platz auf einem Markt zu finden, der sie nicht haben will.

Ob in Kiel oder anderswo: Der Fachkräftemangel ist ein Phänomen, das Fragen aufwirft, die weit über die Statistiken hinausgehen. Vielleicht ist eine Umstrukturierung nicht nur auf der Ebene der Stellenbeschreibungen nötig, sondern auch in der Art und Weise, wie wir die Bedeutung von Praktika und Berufseinstieg wahrnehmen.